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Er hatte wieder die Zahlen zusammengestellt. Es waren achtunddreißig seit Beginn seiner Aufzeichnungen. Die kleinste war die Drei. Das war auf einer Griechischen Insel gewesen. Die Eintausendachthundertsiebenundzwanzig hingegen stammte aus Hongkong. Hoffentlich hatte er keine Zahl vergessen. Eigentlich war er präzise was Zahlen anging, aber man weiß ja nie. Dann würde es nicht funktionieren.

Zuerst hatte er die Summe aller Zahlen gebildet. Das war 31.502. Daraus ließen sich die 31, die 15 und die 2 generieren. Man konnte die 3 noch einmal hintenan stellen, dann kam noch die 23 hinzu. Geteilt durch die Anzahl der Jahre, in denen er die Zahlen gesammelt hatte, kam er außerdem auf eine Extraktion der 6 und der 34, wenn er die Nullen wegließ und die Kommastellen ignorierte. 31, 15, 2, 23, 6, 34 – das waren genau die sechs Zahlen, die er brauchte. Das würde klappen. Er meinte, sich vage an das Gurren der Tauben am frühen Morgen vorm Fenster des Hotelzimmers mit der Nummer 3 auf Tilos zu erinnern. Auch wenn sonst kaum Erinnerungen da waren. Und 1827, war es tatsächlich in Hongkong gewesen? Oder doch Shanghai? Verdammt, er hatte sich nur die Namen der Hotels notiert, und die Nummer der Zimmer, nicht den Ort. Das konnte man nach so vielen Jahren schon leicht mal durcheinander bringen.

Aber egal, die Zahlen waren wichtig. Diesmal würde er den Jackpot knacken. Diesmal hatte er keinen Fehler in seinen Berechnungen. Achtunddreißig Hotelzimmer in fünfundzwanzig Jahren. Seine „Lucky Numbers“. Zum Glück hatte er die kleine, inzwischen leicht speckige und ziemlich verknitterte Liste aufgehoben, zusammen mit den anderen “Erinnerungen“. So nannte er den kleinen Schuhkarton oben auf dem Schrank. Es waren überwiegend Eintrittskarten darin. Von Konzerten, Theatervorstellungen, Ballettaufführungen und Ausstellungen, die er in all den Jahren an den verschiedenen Orten besucht hatte. Damals. Von Zeit zu Zeit nahm er sich wahllos ein Ticket heraus. So wie sie früher im Fernsehen die Lottozahlen aus der großen Kugel gezogen haben. Blind und wahllos. Er rang um jede einzelne Erinnerung. Erst wenn ihm partout nichts dazu einfallen wollte, drehte er es um. Auf der Rückseite hatte er in seiner nur für ihn leserlichen Schrift notiert, mit wem er dort war und ob es ihm gefallen hatte. Zu oft stand eine durchgestrichene Null auf der Rückseite. Das bedeutete vermutlich, dass er allein gewesen war. Manchmal hatte er einzelne Worte notiert. „Grandios“ oder „lächerlich“ oder „Riesenflop“.

Zärtlich strich er über den verknitterten Zettel mit den Hotelzimmernummern, bevor er ihn wieder zurück legte in den Schuhkarton der Erinnerungen. Die Kreuze auf den entscheidenden sechs Zahlen hatte er gesetzt. Diesmal würde er den Jackpot knacken. Ihm schwindelte freudig bei dem Gedanken, was er sich davon alles würde kaufen können. Vielleicht die Griechische Insel mit der kleinsten Hotelzimmernummer. Es war ja nur eine kleine Insel gewesen, und momentan schienen die Griechen Geld zu brauchen. In seinem Gesicht, das ein wenig schief aussah, machte sich ein Lächeln breit. Ob sie seinen Lottoschein auch ganz sicher abgeben würde, hakte er noch einmal nach. „Aber natürlich Herr Schmidt, wie jede Woche!“, sagte sie. „Und jetzt schlafen Sie gut.“ Sie überprüfte noch einmal, ob er seine Medikamente genommen hatte. Dann nahm sie mit einer Geste der Verachtung, die Herr Schmidt nicht sah, die mit Quadraten, Zahlen und Kreuzen übersäte Einmaltischdecke von Tisch und warf sie draußen im Flur in den großen Container. Danach drückte sie im Schwesternzimmer auf den Knopf der Kaffeemaschine. Noch drei Stunden bis zum Ende der Schicht.

Der Jackpot wurde auch diesmal nicht geknackt. „Waren ja auch total depperte Zahlen“, bemerkte der neue Pfleger, lethargisch seinen Bart knetend. Er las verächtlich die Ergebnisse aus der Lotto-App seines Smartphones vor: „31, 15, 2, 23, 6 und 34 – so was von beliebig!“

Herr Schmidt saß in seiner Ecke in einem leicht schäbigen Sessel. Wenn ihn keiner ermahnte, zupfte er an den Blättern eines gigantischen Gummibaumes, der fast die ganze Sicht auf den Park versperrte. Ein schiefes Schimmern lag auf seinem zerfurchten, aber höchst zufriedenen Gesicht.

-Ines Wagner