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Als im Frühjahr 1989 Christoph von Schönberg zu mir sagte: „In diesem Jahr wird die Mauer fallen“ lächelte ich ungläubig. Wir saßen im Wohnzimmer des Hauses seiner Mutter, die oben in ihrem Schlafzimmer ihrem Tod entgegen dämmerte. Es war eine lustige Begegnung gewesen, fünf Jahre vorher. Uns war ein kleiner Hund zugelaufen, dessen Besitzerin ich als Auguste von Schönberg in Gmund identifizierte. Als ich ihr den Hund zurückbrachte, identifizierte sie mich als Sächsin und fragte woher ich komme. Ich antwortete im Bewusstsein, dass meine Heimatstadt Freiberg in Bayern niemand kennt: „Aus der Nähe von Dresden“. Sie insistierte: „Und woher genau?“ „Aus Freiberg.“

„Und ich bin aus Reinsberg, wir mussten vor den Russen 1945 fliehen.“ Natürlich, Schloss Reinsberg, nur wenige Kilometer von Freiberg entfernt, verfallen unter dem DDR-Regime. Die Schönbergs hatten in Sachsen einen sehr gute Namen. Und Auguste von Schönberg wurde eine sehr gute Bekannte. Jetzt starb sie und ich erfuhr, dass das DDR-Regime auch sterben würde. Nein, niemals, dachte ich.

Als im Sommer die Flüchtlingswelle von DDR-Bürgern über Ungarn einsetzte, bewunderte ich deren Mut und war sicher, dass er sehr bald eingedämmt werden würde. Und als Genscher vom Balkon der Prager Botschaft seine berühmten Worte sprach, die im begeisterten Geschrei der DDR-Menschen, die sich hierher gerettet hatten, untergingen, war mir klar, dass das eine Ausnahme bleiben müsse. Und dann kamen diese Montagsdemonstrationen, die ich ungläubig verfolgte, voller Angst, denn so etwas konnte sich die DDR-Regierung nicht bieten lassen.

Der 17. Juni 1953 in der DDR, Ungarn 1956, Prag 1968, irgendwann würden auch in Leipzig die Panzer rollen. Am 9. November 1989 saßen wir abends vor dem Fernsehgerät. Es passierte das, was John Lennon schrieb: „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist andere Pläne zu schmieden“.

Wir saßen nach Ausreiseantrag im Westen, meine Freunde und Verwandten in der DDR. Wenig Chancen sich je wiederzusehen. Im Januar 1990 wurde meine Mutter 70 Jahre alt. Wir hatten viele Verwandte und auch Freunde zu diesem Fest eingeladen, denn es gab Genehmigungen für DDR-Bürger zu Familienfesten in den Westen zu reisen, wenn denn ein Ehepartner oder Kinder in der DDR als Pfand zurückblieben. Wir hatten sogar fingierte Verwandtschaftsverhältnisse gegründet, damit Freunde zur „Tante“ fahren konnten. Sie hatten die Genehmigungen in der Tasche und freuten sich.

Jetzt zog Günther Schabowski seinen Zettel aus der Tasche und las vor. Wie bitte? Dann die Frage des italienischen Reporters ab wann die eben verkündeten Reiseerleichterungen in Kraft treten. „Nach meinem Wissen, sofort, unverzüglich.“ Wir blieben vor dem Fernsehgerät sitzen, holten einen Flasche Sekt und konnten es nicht fassen.

Am nächsten Tag stand ich immer wieder am Gartentor, sicher, dass jetzt die ganze Verwandtenschar kommen werden. Niemand kam. Aber alle kamen am 6. Januar zum 70. Geburtstag meiner Mutter.