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Leben ist das was passiert, während wir eifrig mit etwas anderem beschäftigt sind.

Ausgestreckt auf dem Gästebett im Arbeitszimmer meiner Freundin Monika genieße ich das Aufwachen an diesem Samstag im österreichischen Waldviertel. Die beiden großen unterteilten Flügelfenster sind nach Osten ausgerichtet und ich sehe jetzt um halb Sechs Uhr morgens langsam die Sonne durch sie aufgehen. Schön, einfach nur dazuliegen und die Gedanken kommen und gehen zu lassen und dem rotgelben Farbenspiel der Sonne zuzusehen. Ganz anders als zuhause, wo solche beschaulichen Eindrücke um diese Tageszeit gänzlich fehlen. Zum einen, weil das Fenster nach Norden zeigt und zum anderen, weil das Mahlwerk im Kopf sich meist schon um 3 Uhr früh Gang setzt.

Hier im Waldviertel ist alles anders. Vielleicht ist es die Weite der Landschaft die auch das Herz weitet, vielleicht ist es die Höhe der Bäume die mehr Luft in die Lunge lässt. Alles fühlt sich gut an.

Nach dem Aufstehen und der Morgentoilette einige Yogaübungen, für Monika rituell, für mich notwendig, weil ohne mein Körper weitaus unbeweglicher wäre. Samstag ist schließlich ein Wochentag und nur am Sonntag darf ein bisschen geschlampert werden, da heißt es Frühstück im Morgenmantel statt in Yogahosen.

Mit dem zweiten Haferl Kaffee sitzen wir auf der Bank vor dem Haus und schauen über die Felder, die noch im Morgentau glitzern. Wie auf einem richtigen Bauernhof besprechen wir das Tagwerk. Jede hat ihre Aufgaben und wie die Ameisen sausen wir während des Tages oft recht g´schaftig aneinander vorbei: Eine mit dem Rechen, die andere mit der Spitzhacke zu der man im Waldviertel Grampen sagt, wie auch zur Schubkarre, die die Einheimischen Scheibtruhe nennen. Den Grampen also, geschultert, so wie ein Bauer das wohl tun würde, muss ich über mich selbst lachen. So stapfe ich hinunter zum Jägerzaun um den harten Boden mit der Hacke aufzulockern um dann mit dem Spaten ein Loch auszuheben. Monika hat beim ausputzen der Dachrinne ein etwa fünfunddreißig Zentimeter langes Birkenpflänzchen befreit, welches wohl irgendwann als Sämchen von einer der beiden alten Birken dort hineingeweht wurde. Im vergangenen Jahr musste eine der beiden Bäume gefällt werden und so fand Monika, würde das Jungbirklein neben dem Stumpf eingesetzt, sich seiner ehrenvollen Nachfolge schon bewusst werden. Damit es gerade wächst schlage ich zwei Holzpfähle ein, binde das dünne Stämmchen daran fest. Um es vor hungrigen Rehen zu schützen, ummantele ich das Werk noch mit einem Maschendraht. Wie eine Hebamme gebe ich dem jungen Wesen noch meine guten Wünsche mit auf seinen Lebensweg.

Ja, ich glaube, auch das ist es, was die Zeit hier in Wiesmaden so reich macht. Das, was uns Menschen mit der Erde anvertraut wurde, mit hegen und zu pflegen zu dürfen und im Sinne des Fortbestands zu helfen, ein Stückchen davon zu erhalten. Das mag pathetisch klingen, ich jedoch empfinde dabei eine große Freude, die ich auch für „freuarme“ Zeiten speichern kann. Wie auch so manche erheiternde Begebenheit über die ich im Alltag schmunzeln kann: Als im Sommer vor zwei Jahren auch Monikas Onkel und Tante, beide ziemlich über Achtzig, mit dem Rührbecher als Schöpfkelle zu einer der Vier an den Hausecken aufgestellten Regentonnen quer über den Hof marschieren um sich zu waschen, weil das Wasser im Brunnen zu knapp wird. Oder das Bild, als die drei Enkel wie die Orgelpfeifen nebeneinander auf der Haustreppe saßen um der Oma beim Zwetschgen – in Niederösterreich schreibt man das mit „k“ Entkernen zu helfen und einen mordsspaß dabei hatten, weil sie wie die Erwachsenen mit einem Messer hantieren durften.

Bei den Ritualen ist mein Favorit jedoch (ganz weit vor Yoga, ich gebe es zu) der „G´spritzte“ je nach Jahreszeit als Sommer- mit wenig Weißwein und mehr Wasser, oder Winter-Spritzer mit vieeel Wein und weniger Wasser (manchmal entgleist aber auch im Sommer das Mengenverhältnis und tendiert dann zu mehr gelblicher Färbung des kühlen und prickelnden Getränks und zu sehr viel mehr Leichtigkeit bei den danach statt findenen Tätigkeiten der Konsumierenden). Zum Ritual wird der „G´spritzte“ allerdings erst durch den Zeitpunkt des Trinkens. Den hat Monika vor langer Zeit einmal auf 10.30 Uhr festgesetzt und nach und nach richten auch „plauderwillige“ Insider ihre Besuche auf diese Zeit ein.

Das Lennon-Zitat habe ich nach meinem Empfinden umgetextet: „Im Waldviertel ist man eifrig mit dem Leben beschäftigt, und gottlob, es passiert meistens nichts anderes“.

– Petra Kurbjuhn