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Jetzt war sie schon zum 2. Mal an dem Regal `Schöne Literatur´ vorbeigegangen – Buchstabe S.

Etwas war anders als sonst.

S mochte sie nicht so gerne, da standen die Ganzen Shakepeare`s, Stewards und Stefansons, dort fand sie das Einräumen der zurückgegebenen Bücher besonders mühevoll. War das jetzt fremdenfeindlich? Heutzutage musste man ja so aufpassen was man sagte – auch dachte, political corectness erklärte ihr ihre Tochter. Wo war sie stehengeblieben?

Ja, irgendwas stimmte hier nicht. Ihre Augen tasteten erneut die Buchrücken ab. Das war`s – da stand ein Buch ohne die Kennzeichnung nach der sie die Bücher jetzt schon seit 5 Jahren jeden Montag und Dienstag von 9.00 – 12.00 Uhr einräumte – ehrenamtlich in der Gemeindebücherei, sie, Maria Neudorfer 72 Jahre, verwitwet, Hausfrau. Maria zog das Buch heraus und las den Titel: Generation ohne Auto von Paul Sorowsky.

Dies gehörte hier definitiv nicht hin.

Als sie es auf den Bücherwagen legte, schlug es auf einer Seite auf. Ein mit gelben Leuchtstift markierter Satz sprang ihr in die Augen: „Das Umarmen hatten sie schon vor Jahren sein lassen“, daneben stand handschriftlich: „Schade, dass wir uns aus den Augen verloren haben, Maria.“ Maria erschrak, war das für sie bestimmt oder Zufall?

Blödsinn, wieso sollte die Markierung etwas mit ihr zu tun haben?

Dennoch merkwürdig!

Ihre Augen musterten die anwesenden Leser – eine Mutter mit 2 quengelnden Kindergartenkindern und Peter, der heute mit ihr Dienst hatte. Peter, der stets höflich aber ansonsten nicht sehr gesprächig seiner Aufgabe nachging. Er ordnete gerade die Zeitschriften. Der gestrige Schulklassenbesuch hatte seine Spuren hinterlassen – Chaos. Schon wieder schweifte sie ab. Sie rief sich zur Ordnung sich zu konzentrieren. Seit ihre Schwester Martha an Alzheimer erkrankt war hatte sie Angst, auch ihre Gedanken zu verlieren. Also weitermachen nächstes Buch einräumen. Buchstabe T. Hermann Teufel. An der Stelle wo das Buch hingehörte stand bereits eins ohne Büchereikürzel. „Das Leben nach dem Tod“ von Paula Tiede. Schnell blätterte Maria es durch. Da – wieder eine Markierung: „Schön Dich wiederzutreffen, Maria“. Jetzt lief es ihr kalt den Rücken herunter.

In diesem Moment kam die Leiterin der Gemeindebücherei auf sie zu. „Hallo Maria, darf ich Dir unseren neuen Kollegen vorstellen? Er ist neu zugezogen und möchte bei uns mitarbeiten – gestern hat er uns schon sehr geholfen.“ Maria glaubte sich zu erinnern, erkannte kurz bekannte Gesichtszüge bei Ihrem Gegenüber, bevor diese verschwammen und sie erwachte.

Claudia Kreutzer
März 2015