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“Das Umarmen hatten sie schon vor Jahren sein lassen!” In meiner Vehemenz richtete mich auf, um ihn anzuschauen.

„Beruhigen Sie sich, Frau Schneider. Sie müssen sich bei mir weder rechtfertigen noch Ihr Verhalten verteidigen. Ihr Leben ist nicht auf dem Prüfstand und…“

„O doch,“ unterbrach ich und legte mich auf das dunkelbraune stereotypische Ledercouch wieder hin. „Sonst wäre ich nicht bei Ihnen, nicht wahr?“

„Erzählen Sie weiter, Frau Schneider: Wie haben Sie das mit dem Umarmen gemeint?“

Ich konnte die in mir auf Grund des unmittelbar anstehenden und zum zigsten Mal wiederholten Rückblicks hochsteigende Traurigkeit und Wut zugleich spüren und seufzte. „Am Anfang war alles ganz ok, gerade deshalb weil ich nur in der Musikgruppe war. Dann kam die Theatergruppe dazu, dann die Philosophiegruppe, die Kochgruppe, die Tanzgruppe, die Spielgruppe. Und in jeder Gruppe – je!-der! – entwickelte sich in kürzester Zeit oder war bereits in der Praxis, als ich beitrat, bei der Begrüßung oder beim Abschied – oder manchmal sogar beim beiden! – dieses Umarmungsritual: Jeder mit jedem, ob du wolltest oder nicht, und wenn du nicht mitmachst, bist du außen vor oder wirst auch als ‚komisch‘ gehalten. Also machte ich mit, so gut wie ich konnte, denn die Aktivitäten habe ich gebraucht.“

Dr. Blank schwieg.

„Verstehen Sie? Wenn sie das Umarmen gelassen hätten, hätte ich nicht diese Herpetophobie* entwickelt!“ sagte ich entrüstet.

„Entschuldigung, Sie: Was bitte?“ fragte Dr. Blank.

„Herpetophobie. Berührungsangst.“

„Ah, Sie meinen Haphephobie.“

„Wie Sie meinen,“ erwiderte ich knapp und fuhr fort. „Blöderweise nahm ich gar nicht wahr, welchen Einfluss diese obligatorischen Gruppenumarmungen auf meine Ehe und sogar auf meine Kinder hatten.“ Die Tränen traten mir in die Augen. „Als meinen Mann zu mir sagte: ‚Louise, was ist mit dir los? Liebst du einen anderen? Auch die Kinder leiden daunter. Nur Penny freut sich noch.'“

„Penny?“ erkundigte sich Dr. Blank.

„Unsere Hündin. Nur Penny konnte ich anfassen, richtig herzlich, in aller Freude, weshalb ich dachte immer, alles war bei mir normal und es die anderen waren, die mehr und mehr von mir wollten.“

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Frau Schneider: Vorübergehend nehmen Sie an keinen dieser Gruppen teil.“

„Aber irgendwas brauche ich doch!“

„Dann melden Sie sich bei dieser Schreibgruppe,“ und er drückte mir eine Broschüre in die Hände…

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* Angst vor Reptilien

michael