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Jeder Liebende erfährt immer auch eine Heilung. Robin ließ die Zeitung sinken. Seltsam, der Satz berührte etwas in ihm, von dem er gar nicht wusste, dass er es hatte. Liebe, Heilung – verwirrend, die beiden Worte in einem Satz zu finden. Es gelang ihm nicht, seine Gedanken auf einen anderen Artikel in dem Blatt zu richten. Immer wieder krochen die Worte hervor, zupften und zerrten an ihm. Warum nur sollte ausgerechnet ein Liebender Heilung erfahren? War nicht gerade die Liebe selbst so einzigartig, so groß, dass das Wort „Heilung“ daneben zur Bedeutungslosigkeit schrumpfen musste?

Der Satz steckte ihm wie eine Gräte im Hals. Mehr noch: Er machte ihn hilflos. Robin schüttelte den Kopf und schlug die Zeitung zu. Er blickte auf; der Park sah noch genauso aus, wie vor ein paar Minuten, er saß immer noch auf der gleichen Bank und doch war alles anders.

Liebe – seine Liebe gehörte Sonja, seiner Frau. Als er sie kennenlernte, betete er sie an – war das schon Liebe? Oder nur Schwärmerei? Oder war Liebe das, was danach kam, als der Alltag sich breit machte und immer mehr Raum einnahm? Wann hatte er ihr eigentlich zuletzt gesagt, dass er sie liebt?

Robin drehte die Zeitung zu einer festen Rolle zusammen. Er sah auf den Teich und zu den Enten, die gierig nach dem Brot schnappten, das eine alte Frau ihnen hinwarf. Eine der Enten hatte ein zu großes Stück erwischt; sie würgte und spuckte es wieder aus.

Jeder Liebende erfährt immer auch eine Heilung. Die Worte nagten an ihm. Er drehte und wendete sie, wog mal das eine, mal das andere gegeneinander ab, doch was er auch anstellte: es gelang ihm nicht, sie in Balance zu bringen. Er seufzte.

Wie auch immer, er hatte genug und seine Pause war auch zu Ende. Robin stand auf, warf die Zeitung in den Müllbehälter und machte sich auf den Weg zurück in sein Büro.

Doch auf halber Strecke blieb er stehen. Und verstand. Der Satz stand vor ihm, und so nah, so klar, dass er danach hätte greifen können.

Er wusste jetzt genau, was er tun musste. Auf dem Absatz kehrt machend, schlug er die andere Richtung ein, die nach Hause, zu seiner Frau, zu Sonja. Sie war die Lösung, nein: sie war die Heilung! Ihr musste er das sagen, was er ihr schon seit Jahren hätte sagen müssen! Keine Sekunde mehr wollte er verlieren; fast rannte er, jetzt da ihm alles klar war. Ein paar Minuten später stand er vor seiner Haustür. Obwohl er den Schlüssel hatte, klingelte er. Sonja öffnete. Ohne sie zu begrüßen, sagte er: „Es ist vorbei. Ich liebe dich nicht mehr.“