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Tatamm – Tatamm – Tatamm – Tatamm…

Unterwegs von Berlin nach St. Petersburg.

Der Rhythmus der Schwellen ist der Pulsschlag meiner Reise; einer Reise zurück in die Vergangenheit, zurück in den Winter: wir haben schon Ende April, und dort, wo ich hinfahre, ist es kälter als bei uns im Januar.

Und zurück in eine längst entschwundene Epoche: an meinem Fenster ziehen die verfallenen Fabriken und Dörfer der untergegangenen DDR vorbei.

Und später, in Polen – als blickte ich durch ein Teleskop auf einen viele Lichtjahre entfernten, längst erloschenen Planeten – eine Szene aus dem vorletzten Jahrhundert: ein Bauer hat den Ochsen vor seinen Pflug gespannt und bricht in Zeitlupe durch die Scholle.

Gleichzeitig reise ich in eine ungewisse Zukunft, in ein mir unbekanntes Land, ohne die geringste Ahnung, was mich erwartet.

Und ich bin denkbar schlecht vorbereitet.

In naiver Unkenntnis russischer Standards betrat ich vor der Abfahrt mein Abteil, um – bar jeden Proviants – eine Bahnfahrt von drei Tagen und zwei Nächten anzutreten.

Ich gedachte, gleich nachdem sich der Zug in Bewegung gesetzt hätte, den Speisewagen aufzusuchen und meine erste wie auch alle weiteren Mahlzeiten dort einzunehmen.

Meine Mitreisenden waren ein grobknochiger litauischer Bauarbeiter mit einem breiten, gütigen Gesicht, ein russischer Ingenieur, dunkel und in sich gekehrt und ein alter Professor aus Warschau, dessen Haupthaar sich im Laufe der Jahre zugunsten zahlreicher Runzeln und feiner Lachfältchen um die Augen verabschiedet hatte.

Auf meine Frage, in welche Richtung ich denn gehen müßte, um zu besagtem Speise-wagen zu gelangen, reagierten sie etwa so, als hätte ich ihnen eröffnet, sie seien soeben von Außerirdischen entführt worden, und dies sei im Übrigen kein Schlafwagenabteil sondern eine Raumkapsel auf direktem Weg nach Alpha Centauri.

Natürlich gab es keinen Speisewagen.

Es gab lediglich in jedem Wagon einen Samowar mit heißem, rostigen Wasser, um sich einen Tee zuzubereiten, wenn man entsprechende Beutel dabei hatte.

Hatte ich nicht.

Meine Reisegefährten begannen ob meiner prekären Lage, gleichzeitig in drei Sprachen durcheinander zu reden und schüttelten dabei verständnislos und unentwegt die Köpfe wie babylonische Wackeldackel, die in Zungen sprachen, nachdem ihr Turm eingestürzt war.

Dann packten sie aus.

Und zwar ihre sämtlichen Vorräte.

Es gab gebratenes Huhn, Brot, Kraut, diverse Würste, Pastete, Bier, Wein, Wasser, Gurken, Obst, von allem genug, um damit mehrere Kompanien durch den sibirischen Winter zu bringen. Sie forderten mich auf, zu nehmen wovon und soviel ich wollte; ja, sie drängten mich förmlich dazu, glücklich darüber, endlich jemanden gefunden zu haben, dem sie etwas geben konnten.

Und keinerlei Häme oder Spott über den naiven Westmenschen, der sich eingebildet hatte, mit dem Orient-Express zu reisen. Nur Ermunterung und freundliche Blicke.

Ich war berührt und beschämt zugleich.

Etwas Derartiges wäre mir in Deutschland niemals widerfahren.

Immerhin flogen mir die gebratenen Vögel nun doch noch in den Mund, dank der Güte meiner Gefährten.

Schließlich war ich satt.

Dann kreise der Wodka, und wir begannen zu reden.

Glücklicherweise beherrschte der polnische Professor neben seiner Muttersprache noch russisch, litauisch und deutsch, sodaß wir uns mit seiner Hilfe untereinander verständigen konnten.

So wurde ich ausgefragt und erfuhr auch einiges über die Anderen.

In der Nacht wurde unsere Fahrt von ihnen musikalisch untermalt, und wenn es mir endlich gelungen war, trotz des Schnarchkonzertes einzuschlafen, wurde ich von ruppigen Grenzpolizisten geweckt, die die Pässe kontrollieren wollten; und die Gesichter.

Mit stechendem Blick hielten sie einem ihre Taschenlampe in’s Gesicht, um irgendeine Ähnlichkeit zwischen der verschlafenen Visage und dem Photo im Dokument festzustellen.

Gerade so, als hätten sie zu viele schlechte Filme über sich selbst gesehen.

Und der Grenzen gab es viele.

Immerhin durchquerten wir Polen, Weißrussland, Litauen, Lettland, um schließlich in Russland einzureisen.

Das hieß bei jedem Länderwechsel eine Ausreise- und eine Einreisekontrolle, wozu der Zug oft stundenlang in irgendeinem gottverlassenen Bahnhof hielt. Und immer war das nachts. Das konnte kein Zufall sein. Sicher wurde der Fahrplan genau so berechnet, um des Effektes willen. So wie es in Horrorfilmen meistens regnet. Tagsüber hätte die Show mit der Taschenlampe und dem gefühlt minutenlangen „Erschießen-oder-Laufenlassen-Blick“ nicht annähernd so viel Eindruck gemacht.

Ansonsten war unser Abteil der erbrachte wissenschaftliche Beweis dafür, daß Leben ohne Sauerstoff durchaus möglich ist, denn die Fenster ließen sich nicht öffnen, waren auch gar nicht dafür vorgesehen – um die heimliche und schnelle Übergabe von Schmuggelgut und Anderem an Bahnhöfen zu unterbinden, wie mich meine Mitreisenden informierten.

Auch an den Toiletten – es gab eine pro Wagon – hätte Dante seine Freude gehabt.

Sie gehörten eindeutig in den innersten Kreis der Hölle.

Da aber ständig gegessen und getrunken wurde, ließ sich ihr Aufsuchen leider nicht gänzlich vermeiden.

Durch den Umstand, daß sich der Zug trotz seiner geringen Geschwindigkeit in einer stetigen Schlingerbewegung befand, ähnlich einem Schiff auf hoher See, war das ein Akt, der einem beträchtliche akrobatische Fähigkeiten abverlangte.

Zu allem, was am Fenster vorbeizog, wußte der Professor, der auch Rabbiner war, etwas zu erzählen, und er strahlte dabei eine undefinierbare Mischung aus Schalk und Würde aus. Eine alte Seele, die das Leben schon hunderte Male gelebt hatte und deren Humor dabei immer feiner geworden war.

Ich genoß es, ihm zuzuhören, und so blieben meine Bücher im Koffer.

Wir fuhren dahin und näherten uns Brest, der Grenze zwischen Polen und Weißrussland.

Das übliche, nächtliche Aufreißen der Abteiltür, Taschenlampe, „Ich schau’ dir in die Augen, Kleiner!“, und dann geschah das Unglaubliche.

Der Spurwechsel.

Davon hatte ich noch nie gehört, aber meine Reisegefährten klärten mich auf: weil der Gleisabstand in den ehemaligen Sowjetrepubliken weiter ist als bei uns, werden an der Grenze die Fahrgestelle sämtlicher Wagons ausgetauscht. Zu diesem Zweck wird der gesamte Zug angehoben, was etliche Stunden dauert, während derer man auf keinen Fall aussteigen darf.

Wer den Zug trotzdem verläßt, wird von den draußen patrouillierenden Grenzsoldaten eingesammelt und im günstigsten Fall zurück in die Heimat geschickt.

Da standen wir nun im Niemandsland zwischen zwei Staaten, unserer Bewegungsfähigkeit beraubt, nicht mehr fähig, weiter in unserer alten Spur zu bleiben und noch nicht in der Lage, die neue zu befahren.

An Schlaf war nicht zu denken.

Der ganze Zug war in Bewegung, unter uns rumpelte und knackte es, und draußen wurde alles von grellen Scheinwerfern erleuchtet. Zu gerne wäre ich ausgestiegen und hätte mir das Spektakel von außen angesehen. Doch die Aussicht auf einen Konflikt mit den staatlich gelenkten Androiden in voller Rüstung, gefolgt von einer vorzeitigen Heimreise war wenig verlockend.

Und so wandelte sich die anfängliche Aufregung allmählich in zähe Langeweile und sehnlicher Erwartung der Weiterfahrt.

Damals bekam ich zum ersten Mal eine Ahnung davon, daß ein Spurwechsel ein langer nicht enden wollender Schwebezustand sein kann, in dem das Alte nicht mehr und das Neue noch nicht funktioniert.

Und daß, wer dieses zermürbende Warten zwischen dem Gestern und dem Morgen nicht durchsteht, von den Wächtern ergriffen und dahin zurück geschickt wird, wo er hergekommen ist.

Alles auf Anfang.

Ich muß wohl doch eingeschlafen sein; ein Ruck geht durch den Zug, und ich öffne die Augen. Die Sonne blinzelt zaghaft hinter dem Horizont herauf – wir fahren.

Vor uns ein mir unbekanntes Ziel, eine ungewisse Zukunft, so rollen wir dahin.

Tatamm – Tatamm – Tatamm – Tatamm…

 

Peter Hein