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Bei Maxie Wander hiess es zumindest „Guten Morgen, Du Schöne!“,

mir hat jemand „Guten Morgen, du Närrin“ an meinen inneren Spiegel geschrieben.

Wer wohl? Ich selbst.

Morgen steht also dieses Ungetüm einer 200kg schweren gusseisernen Strickmaschine in meinem Wohnzimmer, wenn ich denn je vier starke Männer zusammenbringe, die sie mir in den zweiten Stock tragen.

Mit meinem gelinde gesagt bescheidenen Hausfrauenwerkzeug habe ich bereits verschiedene Teile abmontiert, die allerdings das Gewicht auch nicht wesentlich reduzieren. Dann habe ich versucht, sie anzuheben. Sie hat sich nicht einen einzigen Millimeter von ihrer Holzpalette bewegt, es scheint mir, sie ist dort festgeschweisst. Aber so schwer sind wahrscheinlich 200 kg.

Da ich am besten eins nach dem anderen kann, mache ich mir zunächst Gedanken, wie ich sie in meine Wohnung bringe.

Das finde ich so verständlich, dass es mich geradezu tröstet, dabei wird es erst danach eigentlich spannend. Was ist dann: danach?

Was habe ich mir eigentlich dabei gedacht?

Es fängt damit an, dass ich mir mein Wohnzimmer mit dem Ungetüm zweifellos verunstalten werde. Allerdings ist der Platz unter der Treppe, die nach oben ins Schlafzimmer führt, immer unfertig gewesen, nachdem ich eines Tages beschlossen hatte, es sei genug mit der Wohnungseinrichtung.

Eine Weile dachte ich, da müsste ein ziemlich grosser Flachbildschirm hin, aber diese Idee hat nicht lange überlebt.

Nun also hat die unvollendete Ecke ihre Bestimmung gefunden:

Dort soll 200kg hellblau gestrichenes Gusseisen hin.

Marke: Universal. Alter: alt, quasi historisch.

Es gibt auch modernere Maschinen, aber diese hier ist mir vor die Füsse gefallen.

Ich hoffe, der Boden hält und wir brechen nicht eine Etage tiefer mitsamt dem halbfertigen Kaschmirgestrick.

Nun ist es raus. Das, worum ich mich die ganze Zeit schon drücke, weil ich es ja vorziehe, mich selbst damit zu beruhigen, dass ich am besten eines nach dem anderen kann.

Was also machen, wenn das Ungetüm dasteht?

Stricken!

Was wohl?

Aber, genau, was wohl? Und mit welchem Ziel?“

Da ist sie wieder, die Angst, die mich zuweilen lähmt. Die muss ich niederkämpfen.

Ich bilde mir ein, die Maschine sei meine stärkste und wirksame Waffe, die Angst zu besiegen. Auch wenn sie ein gusseisernes Monstrum ist, das weder handlich aussieht, noch zu meiner Wohnungseinrichtung passt.

Ich schäme mich zu erwähnen, dass mir noch einmal kurz durch den Kopf geht, dass sich ein Flachbildschirm an der Stelle, in genauer Blickrichtung vom Sofa aus, irgendwie hübscher gemacht hätte.

Aber Schönheit spielt hier keine Rolle, es geht um Bestimmung!

Und deren Lauf bekommt eine neue Richtung am letzten Tag des alten Jahres.

Bis dahin ist sie durchaus und ausschliesslich unbestimmt verlaufen.

Das war eine Zeit, in der ich gewissermaßen komplett orientierungslos war, drei Monate lang. Ich wusste zwar, es müsste sich etwas tun, etwas ändern, mir etwas Geniales in den Sinn kommen, aber ich war noch zu sehr in meinem Hamsterrad gefangen, sodass ich es nicht schaffte, einen Silberstreif am Horizont heraufdämmern zu sehen, geschweige denn eine brauchbare Idee.

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Den Fluss setzt dann Dorothea in Gang, als das alte Jahr zuende geht.

Meine Freundin, die mir vor langer Zeit schon mit auf den Weg gab, dass nicht Einsicht der erste Schritt zur Besserung sei, sondern nur der erste Schritt sei der erste Schritt, drückt mir ein Buch in die Hand.

Es heisst „Der Weg des Künstlers“, geschrieben von Julia Cameron und ist ein Zwölf-Wochen-Kurs zur Wiedererlangung der verschütteten, verloren gegangenen und blockierten Kreativität, welches mir meine Freundin nicht von ungefähr mit auf den Weg gibt.

Es soll der Schlüssel sein für 2014, und das Beste daran ist, dass mit dem Beenden des 12-Wochen-Kurses auch mein Arbeitsvertrag mit meiner alten Firma endet, und das neue Jahr genau 12 Wochen alt ist.

Bisher habe ich mich nicht mit Numerologie befasst, aber mir scheint allzu augenscheinlich, dass das ein perfekter Deal ist.

Nach 12 Wochen bin ich demnach fit für die Freiheit, habe meine verschüttete, blockierte Kreativität wieder ausgegraben, mein Künstlerkind genährt und bin kein Schattenkünstler mehr, so verspricht es Julia Cameron.

Dass der Arbeitsvertrag mit meiner alten Firma inzwischen schon in sieben Wochen endet, dass ich mir 200kg Gusseisen in meine Wohnung stelle, von denen ich nicht so genau weiss, was ich damit anfangen soll, dass ich aber auch sonst keine genaue Vorstellung davon habe, was ich machen könnte, wenn ich gewissermassen frei wäre, das ist der Knackpunkt.

Und da kommt sie wieder, die Närrin.

Auf welchen Weg habe ich mich da begeben, Schritt für Schritt? Ich habe den Stein vor meiner Höhle mühevoll und unter grosser Anstrengung weggerollt und bin losgelaufen, mit dem ersten zögerlichen Schritt, dem zweiten schon etwas leichteren und so weiter.

Und wohin führt mich mein Weg?

Ins Ungewisse, das ist mal sicher.

Der Knackpunkt ist also gewissermassen, dass ich nicht zugeben möchte, dass ich nicht weiss, wohin mich dieser Weg führt, und das macht mich verrückt.

Noch schlimmer aber ist es, wenn ich zugebe, dass ich nicht weiss, wohin er führt, und das macht mich noch verrückter.

Das Ganze findet zumeist in inneren Zwiegesprächen statt.

Ich rede mit anderen nicht so gern darüber, das stösst mich sonst allzu unbarmherzig auf die Essenz meines Knackpunktes.

Närrin, du hast einen gut bezahlten, sicheren Job als Designerin in der Modebranche!“

Schön und gut.

Aber um welchen Preis!

Schon bei meiner Einstellung hatte ich das Gefühl, ich habe meine Seele für Geld dem Teufel verkauft.

Ein paar Jahre lang hab ich dieses Gefühl dann ignoriert, aber irgendwann konnte ich nicht mehr daran vorbei sehen und schlussendlich wollte ich meine Seele wieder zurück. Wahrscheinlich muss ich deshalb jetzt eben kämpfen und der Preis, den ich zahle, ist vielleicht auch hoch.

Aber ich werde vermutlich glücklich sein wie der Kohlenmunk-Peter in Hauffs Märchen „Das Kalte Herz“, wenn ich sie wieder habe.

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Ein Freund, mit dem ich in der Weihnachtszeit in einem Restaurant speiste, wies dezent mit der Messerspitze auf den Nebentisch, an dem zehn junge Fräulein saßen, blondiert und hübsch herausgeputzt, und er murmelte kauend: „Wetten, dass acht von denen sofort deinen Job nähmen, wenn du ihn hier in den Raum würfest?“

Genau! Ich weiss es. Und das ist noch so ein Knackpunkt.

Seit Jahren schon erzähle ich ungern, was ich beruflich mache, wenn mich jemand fragt. Alle ausserhalb der Modebranche scheinen ein sehr genaues Bild von dem wundervollen, kreativen Job zu haben, der auf meiner Visitenkarte steht.

Ich hingegen weiss sehr genau, dass dieser Job oftmals alles andere als das ist, was sich die Leute so gemeinhin darunter vorstellen.

Die Wahrheit ist, dass ich alles andere als stolz auf meinen Beruf bin.

Ich fühle mich komplett ausgehöhlt, ausgelaugt, dauererschöpft und apathisch.

Die absurden Arbeitszeiten, der immer schneller werdende Rhythmus der Kollektionszyklen und die Krise, die auch vor der Modebranche nicht halt gemacht hat, dazu der aus alldem resultierende Druck, sowie die Eitelkeit und Oberflächlichkeit der Modebranche grundsätzlich bis hin zum beispiellosen Narzissmus in den Chefetagen obendrein, hat mich so weit gebracht, dass ich eines Tages meine Kündigung geschrieben habe.

Ohne dass ich wusste, was ich als nächstes machen werde.

Ich wusste nur, hier mache ich nicht mehr mit.

Ich muss meine Seele wieder zurück gewinnen.

Ich muss etwas Sinnvolles tun. Etwas mit den Händen.

Und schon fragt mich der innere Spiegel:

Und das mit einer gusseisernen Strickmaschine in deiner kleinen Wohnung?

Du Närrin? Und davon willst du leben? Wie denn?“

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Und dann, immer einmal wieder, weiss ich wie, sprudeln mir hundert Ideen aus dem Kopf. Ich schreibe sie auf, krakele kryptische Mindmaps, wilde Diagramme und verwegene Skizzen und bin ganz euphorisch im Rausch der Möglichkeiten, die sich mir auftun. Mir fallen Menschen ein, die ich für meine Ideen begeistern kann, Kontakte, die ich wiederbelebe, Länder, die ich bereise, um Inspirationen zu sammeln, Namen, die ich meiner Idee gebe, wie ich sie wem und wo präsentiere usw.

Ich bette am Abend mein Haupt friedlich und zuversichtlich aufs Kissen und falle in einen Schlaf, aus dem ich scheinbar traumlos aufwache, und sogleich ist sie da, meine treue Begleiterin der letzten Monate.

Die Angst.

Guten Morgen, du Närrin, und du willst wirklich diesen Job aufgeben?“

Ja! Immer noch!“

Und wie soll das gehen?“

So!“

Ich schlage Dorotheas Buch auf, positioniere meinen Notizblock daneben, und beginne mit meiner täglichen Übung, den Morgenseiten. Wahrscheinlich wäre ohne Julia Cameron mein Kopf noch immer ein schwammiger Schwamm, vollgesogen mit träge dahin wabernden Gedankenfragmenten, ab und an von einem Blitzgefecht der Angst durchzogen.

Dank der Morgenseiten habe ich den Dialog mit meinem inneren Spiegel in Gang gesetzt und inzwischen kann ich gut parieren und mich sogar wehren gegen die innere Kritikerin in mir, das hat Frau Cameron versprochen.

Und es funktioniert.

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In Woche Vier, als die Strickmaschine zum ersten Mal auftaucht, heisst die Übung „Aufrichtige Veränderungen“.

Da steht geschrieben, das wir, wenn Veränderungen, die wir selbst in Gang gesetzt haben, anzustehen drohen, uns am liebsten zu einem kleinen Ball zusammenrollen würden, damit sie an uns vorüber ziehen.

Von der Geschwindigkeit des Wachstums ist die Rede, und von der Versuchung, die Notbremse zu ziehen.

Ein anderes Thema ist die Synchronizität.

Glaube an etwas, wünsche dir etwas, und es wird sich erfüllen. Frage nicht, ob du etwas kannst, sage statt dessen, dass du es tun wirst und dann schnall dich an!

Da mich Frau Cameron mit meinem inneren Spiegel gewappnet hat, der von Tag zu Tag klarer wird, und ich auch weiss, ich darf jetzt nicht die Bremse betätigen, kaufe ich schlussendlich die Maschine, um das, was ich in Gang gesetzt habe, nun nicht wieder zu stoppen.

Sie erweist sich als Geschenk, da es ja keine Zufälle gibt.

Es ist die Handstrickmaschine der Hochschule der Künste Berlin, Vivian Westwood hat dort ihre Schäfchen gastunterrichtet und meine Freundin Christiane, mit der sich während des Studiums in Japan mein Weg kreuzte, hat ihre Diplomarbeit darauf gestrickt. Nicht irgendein altes Eisen also, sondern … ein Zeichen? Ein Werkzeug für den Neustart?

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Sie erweist sich dann auch als gar nicht so schwer, weil sie tatsächlich auf der Europalette fest geschraubt war, und es stand auch noch ein grosser Karton mit diversen Garnen und Ersatzteilen darauf. Deswegen konnte ich sie keinen Millimeter anheben.

So muss ich einmal mehr feststellen, dass die Geister der Nacht zwar zuweilen von apokalyptischen Ausmassen sind, aber am Tage oftmals zur Grösse von Kirschkernen zusammen schmelzen und die Angst nicht wert sind.

Zwei Mann transportieren sie am nächsten Morgen mühelos nach oben in meine Wohnung. Der eine ist mein Nachbar, ein hünenhafter Rumäne, mit dem ich bisher kaum ein paar Worte gewechselt habe, und der sofort seine Hilfe anbietet, als er mich an dem Koloss herumschrauben sieht.

Er will kein Geld für seine Hilfe annehmen, das sei so üblich in der Nachbarschaft lacht er, und ich könne ihm ja irgendwann mal einen Schal stricken.

Der andere ist ein Freund, der sich mit Pelz auskennt.

Er begutacht anerkennend die alte deutsche Wertarbeit und den tadellosen Zustand der Maschine. Dann fragt er mich, ob ich beispielsweise Kissenhüllen darauf stricken könne, in dicker, grauer Wolle. Er habe da noch so ein paar Felle, die würden sich gut als Vorderseite eignen. Und kaum steht die Maschine, hat sie statt der ungewissen Zukunft zumindest einen ersten möglichen Zweck. Das Projekt bekommt allmählich Konturen.

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Und nicht nur das. Ich habe mir beim Universum eine Unterstützung hier in meiner Nähe gewünscht, jemanden, der meine Träume und Vorstellungen teilt und mit dem ich vielleicht gemeinsam arbeiten kann.

Und da sich nach dem Prinzip der Synchronizität die Welt der Gedanken und Wünsche ganz schnell dreht und deren Erfüllung alsbald in Gang setzt, bin ich schon ein paar Tage später Bianka begegnet.

Ihr hängt eine andere Luxusbranche zu Halse heraus, die Sterne-Gastronomie.

Und sie träumt seit langem davon, einfache Mode zu machen mit folkloristischen Elementen, wie etwa vom Balkan, und sie habe da so ein paar Kollegen aus Bulgarien, Albanien und der Slowakei, und die wiederum hätten Tanten und Grossmütter, die stricken, häkeln und sticken könnten.

Ja, und ich habe inzwischen Freundschaft geschlossen mit meinen Nachbarn aus Rumänien, wo es wundervolle Textilfolklore gibt, davon konnte ich mich vor einigen Jahren überzeugen, als ich die Karpaten bereiste.

Und schon bin ich wieder im Fieber des Fantasierens, Visionierens und Ideen Sammelns, elektrisiert und ohne Angst… bis zu nächsten Morgen.

Aber vermutlich wird sie jetzt Woche um Woche ein Stück kleiner, die Angst vor dem Ungewissen, und die Ideen werden mehr, klarer und bunter.

Ach du Närrin, wie gut, dass du so närrisch bist, dass du dich einlässt auf dieses schöne Abenteuer!

Das Abenteuer heisst Veränderung, heisst Wandel und Neuanfang.

Es ist nicht das Unbekannte, vor dem wir Angst haben müssen, es ist das Bekannte das wir fürchten sollten. Wenn wir aber jeden Augenblick unseres Lebens in das Unbekannte treten können, dann sind wir frei.“ (Deepak Chopra)

Ines Wagner

Eine Antwort auf Guten Morgen, du Närrin

  • Grüß Gott liebe Frau Wagner,
    vielleicht war das jetzt auch eine universelle Fügung, dass ich genau Ihren Artikel in der Liste der Suchergebnisse gewählt und gelesen habe. Meine 200 kg Strickmaschine ist eine Kellerwerkstatt in der ich maßgeschneiderte, handgemachte Fahrradrahmen aus hauchfeinen leichten Stahlrohren zusammen zimmere und die mir jeden Morgen die apokalyptischen Reiter der Existenzangst durch den Körper treiben. Ich bin noch nicht soweit, meinen gut bezahlten, von mir heiß gehassten Job in der Versicherungsbranche aufzugeben. Zeit wäre es schon lange. Ihr Text macht mir Mut es vielleicht in noch erlebbarer Zeit ernst zu nehmen mit der Veränderung – meiner Änderung.

    Liebe Grüße

    Markus