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Kirschblütenblätter lösen sich von den Bäumen, sie schweben und taumeln zur Erde, legen sich flächendeckend auf den Boden, auf Büsche und Bänke, auf Köpfe und Schultern von Menschen, die es sich auf Plastikplanen mit ihren Picknickkörben bequem gemacht haben.

Es sieht aus wie Schnee, ein Traum von Schnee mit leichtrosa Note. Lautlos, feierlich und federleicht fällt er von den Bäumen. Es ist die fünfte Jahreszeit in Japan, die verwunderlichste, kitschigste, die romantischste:

O Hanami, die Kirschblütenzeit.

Die Parks sind in diesen wenigen Tagen überbevölkert von Ausflüglern mit überdimensionierten Kameras, Schulklassen, Arbeitskollegen, Hausfrauen und Freundinnen, Teenagern, mit Aquarellkästen ausgerüsteten Damenkränzchen, Rentnern und Liebespaaren, die allesamt dicht an dicht gedrängt sitzen und picknicken, von früh am Morgen bis spät in die Nacht.

O Hanami ist ein riesiges Gemeinschaftsspektakel.

Der Mann mir gegenüber pustet gedankenversunken ein Blütenblatt von seinem Handrücken in meine Richtung, Sakura Chan, das bedeutet kleine Kirschblüte. Dann nimmt er die Ruder wieder in beide Hände und wir gleiten geräuschlos und doch kraftvoll durch das Wasser des kleinen Teiches, was eine Kunst an sich ist, denn der Teich ist übervoll.

Konzentriert rudernd überholt er im Slalom ein Ruderboot und drei weitere Schwäne, über und über bedeckt von einem blassrosa Blütenschleier. Wir steuern auf ein vergleichsweise unbelebtes Plätzchen zu unterhalb der fast bis ins Wasser hängenden Zweige einer Trauerweide, die einen kleinen natürlichen Pavillon bilden.

Dabei sind wir zielstrebig unterwegs und gleiten rasch durchs Wasser – rückwärts.

Meinem rudernden Freund Koki Ichikawa scheint das nicht aufgefallen zu sein oder jedenfalls nicht weiter zu stören. Um uns vorwärts zu bewegen, müssten wir die Plätze tauschen, was aufgrund der Betriebsamkeit auf dem Teich nicht ganz leicht wäre.

Anfangs bin ich irritiert, beschließe aber, ihn so rudern zu lassen, wie er es für richtig hält, schließlich kommen wir genauso schnell oder langsam voran wie die anderen, was vielleicht mehr an der Überfülltheit des Gewässers, als an den Ruderkünsten liegt.

Als wir unter den hängenden Zweigen der Trauerweide hindurchfahren, erwartet uns beinahe Stille. Zwar ist auch die Aussicht auf die Hauptattraktion, die Kirschblütenmeere, verschleiert, aber mein Begleiter hat es tatsächlich geschafft, dem Getümmel zu entkommen, er nimmt vorsichtig die Ruder ins Boot und wir lassen uns treiben.

Siehst Du den gelben Schwan dort drüben?“ fragt er mich. Mein Blick folgt seinem ausgestreckten Arm zwischen den Zweigen des Baumes hindurch.

Ich war einer von ihnen.“

Der Schwan, auf den er deutet, ist beladen mit vier Männern in schwarzen Anzügen und Krawatten, zwei von ihnen sind in etwa in seinem Alter, die anderen um einiges älter, trotzdem sehen sie alle auf unheimliche Art gleich aus.

Sararīman“ sagt Koki, er ringt sich das Wort geradezu heraus, beinahe würgt er daran.

Er benutzt das dem Englischen entlehnte und ins Japanisch eingepflegte Wort, dass zusammengesetzt ist aus Salary und Man, und das sowohl für Büroangestellte als auch Manager jeglicher Stufen auf der Karriereleiter in renommierten japanischen Firmen und Konzernen steht.

Morgens stehen sie in dichten Reihen auf meinem Bahnsteig in Mitaka, steigen systematisch geordnet im Reißverschlussprinzip in die Bahn ein, nehmen auf ihrer Fahrt noch eine Mütze Schlaf, gähnen halbwach, lesen Zeitung oder rasieren sich mit dem Trockenrasierer.

Wenn wir Glück haben, verläuft die Fahrt reibungslos, aber etwa einmal pro Woche steht die Bahn irgendwo im Niemandsland zwischen zwei Bahnsteigen, und dann ist mit größter Wahrscheinlichkeit einer von ihnen vor die Gleise gesprungen. Trotzdem geht nicht einmal ein Raunen durch den Zug, alle warten mit stoischer Ergebenheit darauf, dass der Zug seine Fahrt wieder aufnimmt.

Ich weiss, dass Japan eines der Länder mit höchster arbeitsbedingter Selbstmordrate ist und zugleich ganz weit oben auf der Liste der häufigsten Todesfällen durch Herz- und Gefäßerkrankungen, insbesondere bei den Salarymen großer Firmen. Das sind seit den 80er Jahren anerkannte Phänomene der japanischen Leistungsgesell-schaft und gleichzeitig ist Japan das einzige Land, in dessen Sprache es spezielle Wörter dafür gibt: Karōshi, Tod durch Überarbeiten, und Karo jisatsu, Selbstmord wegen Überarbeitung.

Wenn ich morgens nach anderthalb stündiger Fahrt und zweimaligem Wechsel meiner Bahn in Shimbashi aussteige, bewege ich mich in einem nicht abreißenden Strom solcher Salarymen durch das Bahnhofsgebäude. Wir ergießen uns gleichsam über den grauen Asphalt der Strasse und bilden dort einen zielstrebig fließenden Strom dunkler Ameisen, verzweigen uns in die Strassen und Gassen und schlussendlich in die einzelnen Bürogebäude Shimbashis.

Der einzige farbige, exotische Punkt in der schwarzen Masse bin zumeist ich. Die Ausländerin, Gaijin. In meinem Pass allerdings steht Alien. In der schwarz-grauen Einheitsmasse der Salarymen trage ich ein Papier in der Tasche, das heißt Alien Registration Card und ist mein Ausländerausweis.Damit keine Zweifel aufkommen, ich habe es schwarz auf weiß. Wer also bin ich?

Mein Gegenüber schaut mich erwartungsvoll an, er möchte weiter erzählen, während meine Gedanken noch im Tokyoter Railway System Schleifen fahren und ich dem Schaffner meinen Alienausweis zur Kontrolle vorzeige.

Ich wende meinen Blick zurück in seine Richtung, lasse ihn über das karierte Holzfällerhemd streifen, dessen hoch gekrempelte Ärmel sich über kräftigen, sonnengebräunten Armen spannen, betrachte die Sommersprossen, seine halblangen, dichten, zuweilen störrischen Haare, blicke in grüne Augen, erwidere einen offenen Blick und kann mir nicht vorstellen, dass er einer von ihnen war.

Ich scheitere an dem mir unmöglichen Unterfangen, ihn mir in einem stereotypen schwarzen Anzug in der morgendlichen dunklen Masse vorzustellen.

Mit leerem Einheitsgesicht, seiner Identität beraubt.

Dieses Thema hat mich schon oft beschäftigt, auf meinen stundenlangen täglichen Pendelfahrten quer durch Tokyo zum Büro und zurück. Was erhält dem Individuum seine Individualität, wenn es bis zu sieben Tage in der Woche für fünfzehn, sechzehn Stunden in einem schwarzen, uniformen Anzug eingesperrt ist? Nach Außen hin vielleicht die Farbe der Krawatte, die Art und Größe ihres Knotens, Frisur, Brille, ein paar Kotletten, zuweilen ein Bart und schlussendlich das mehr oder weniger komplexe, mitunter absurd chaotische oder sogar bei durch und durch seriösen Männern kitschige Anhängsel am Mobiltelefon.

Was die Individualität im Inneren ausmacht, sind wohl die Träume, Wünsche und Visionen. Aber reicht das auf Dauer, zu wissen und nicht zu vergessen, wer man ist?

Und Koki beginnt zu erzählen. Er träumte davon, seiner Freundin nach England zu folgen. Anfangs hatte er sich selbst Englisch beigebracht. Dabei war im der Umstand zugute gekommen, dass er über einem Irish Pub wohnte, wo er an einigen Abenden in der Woche spät abends aus dem Büro kommend noch ein Bier trank und mit den Ausländern ins Gespräch kam.

Nach und nach verwandelte sich sein bruchstückhaftes Gestammel in eine praktikable Sprache und eines Abends hatte Anne dort gestanden, ein Guinness an den wunderschönen Lippen, und er hatte nicht wegschauen können. Normalerweise starren Japaner keine Fremden an, ja sie schauen sie nicht einmal an.

Koki starrte Anne dennoch an und war sprachlos. Anne, folgerichtig, dachte, er spräche kein Englisch, was damals so ziemlich auf 90% der japanischen Männer zutraf. Aber da hatte sie sich geirrt. Er war nicht nur ungewöhnliche einmetersechsundachtzig groß, hatte Sommersprossen und grüne Augen, er war auch ihrer Muttersprache mächtig, was nicht einmal nötig gewesen wäre, den Anne hatte Japanologie studiert und arbeitete als Englischlehrerin.

Koki war also durchaus bei genauerem Hinsehen kein uniformes Einheitsgesicht. So, wie auch Anne keine gewöhnliche Gaijin war.

Und so wurde aus ihnen mit der Zeit ein Paar.

Als Anne anderthalb Jahre später zurück nach England ging, versuchte er, einen Monat Urlaub zu nehmen, um sie zu besuchen. Dieses für einen Salaryman komplett unschickliche, ungewöhnliche und somit unmögliche Unterfangen war leider nicht von Erfolg gekrönt. Wieder und wieder sprach er mit seinen Vorgesetzen, machte die verschiedensten Vorschläge, seine Fehlzeit vor- oder nachzuarbeiten oder sonst wie zu kompensieren.

Und da er nicht nur auf fehlendes Verständnis stieß, machte er sich zusätzlich unbeliebt. So war niemand seiner Vorgesetzen und Kollegen traurig, als er schlussendlich seinen Job kündigte. Eher noch überrascht, sehr überrascht sogar. Sie hatten Resignation erwartet, aber nicht diesen ungewöhnlichen Schritt.

In einem Land, wo tagtäglich Männer aus Resignation vor die Bahnen des Tokyoter Railway System springen und alle stoisch daran vorbei sehen, war es noch ungewöhnlicher, dass jemand auf seinen sicheren Job freiwillig verzichtete, um sich in eine komplett ungewisse Zukunft zu begeben. Denn eine solche Kündigung war nicht mal eben so eine Laune ohne Konsequenzen.

Sie war beinahe eine Angriffserklärung aufs Arbeitssystem, ein Ausbruch aus der Norm, ein bewusstes, ja demonstratives Verlassen aller sicheren Gesellschaftswerte, denn bei Rückkehr in eine neue Firma müsste er wieder ganz unten am Dokumentenkopierer anfangen, wenn er denn einen Job finden würde, und nicht statt dessen in einem Pappkarton am Ufer der Tokyo Bay leben müsste.

Systemwechsler seiner Art betrachtete man sowohl mit großem Misstrauen als auch mit Geringschätzigkeit.

Koki flog knapp ein Jahr nach Annes Abreise nach Europa. Aber ihr Verhältnis war nicht mehr Dasselbe.Anne hatte sich verändert, und er fand weder Platz  noch Halt in ihrem Leben. Dennoch hatte sich sein Leben zum Positiven verändert und er fühlte sich auf ungewohnte, seltsame Art unbeschwert und frei. Er bereiste ganz Europa und nach seiner Rückkehr nach Tokyo suchte er sich einen einfachen Job in der Nähe seiner Wohnung. Er verzichtete auf eine Karriere im Angestelltenbereich der großen Japanischen Firmen, auf ein gutes Gehalt und die Betriebsrente. Aber nicht auf Lebensqualität. Die ließ er sich nicht wieder nehmen.

Statt im schwarzen Anzug jeden Morgen einen zweieinhalbstündigen Arbeitsweg anzutreten, fuhr er hemdsärmlig einen Krankenwagen seines Quartierärztehauses, den zehnminütigen Weg dorthin nahm er mit einem klapprigen Fahrrad. Nach Feierabend ging er mit seinem tapsigen Hund spazieren, der ihm nicht von der Seite wich, und an den Wochenenden fuhr er an den Strand von Kamakura zum Surfen oder spielte Fußball mit seinen Neffen.

Er war Anne nicht böse, noch haderte er mit dem Schicksal, denn er hatte etwas sehr Wichtiges zurückgewonnen: seine Identität. Er musste sie nicht mehr hinter einem schwarzen Anzug verstecken, hinter einem grauen, müden Gesicht, oder ihr Ausdruck verleihen durch ein Anhängsel an seinem Handy oder durch eine ungewöhnliche Krawatte. Er konnte einfach er selbst sein, und so saß er vor mir.

Wir saßen in einem Boot, unter den hängenden Zweigen der Trauerweide. Der ehemalige Salaryman und die Alienfrau. Jetzt musste ich mir noch klar darüber werden, wer ich war. Ich beschloss, das Wort Alien auf der Registration Card zu ignorieren. Ich war eine Deutsche. Auch das war in Japan nicht immer einfach für mich.

Zu groß war zuweilen die Begeisterung der alten Japaner für die Deutschen, ganz im Gegensatz zu den Franzosen beispielsweise, was mit dem zweiten Weltkrieg zu tun hatte und weder für die Deutschen noch für die Japaner rühmlich war. Aber ich begriff auch zum ersten Mal, was es heißt, Ausländerin zu sein, nicht einfach nur Touristin. Denn das war ich ja in erster Linie. Und das bemerkte ich jeden Tag, wenn ich von einem Fettnäpfchen der japanischen Kultur ins andere stolperte, was mir zumeist aber verziehen wurde, aus Rücksicht darauf, dass ich eine Fremde war.

Als wir das schützende Dach der Trauerweide einige Zeit später wieder verlassen, frage ich ihn, wieso er rückwärts rudert. Rückwärts? Das haben sie mich damals auch gefragt, als ich das System der Salarymen verließ. Ist es nicht egal, wie wir uns bewegen?

Hauptsache, wir kommen voran!

 

Ines Wagner