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Hans Fiedler war 70 Jahre alt, als er promovierte. Heute ist er 82 Jahre alt und praktiziert noch immer als Psychotherapeut. Er ist das anschauliche Beispiel dafür, wie man auch im späteren Lebensabschnitt noch einmal voll aufdrehen kann und von all den vielen Lebenserfahrungen profitiert.

Hans Fiedler stammt aus Danzig. Der begabte Junge war schon mit 14 Jahren in der 10. Klasse. Sie werden zum Kriegseinsatz herangezogen, kamen zum Werwolf und wurden in Mecklenburg von den Russen überrollt. Die Eltern verloren, lebte der Jugendliche auf einem Gut unter russischer Verwaltung. Über das Rote Kreuz fand er seine Mutter und flüchtete in den Westen.

Nach einer kaufmännischen Lehre wollte er eigentlich Volkswirtschaft studieren. „Aber das Elend hat mich so gepackt“, erzählt er, dass er beschloss Sozialarbeit in Freiburg zu studieren. Er arbeitete als Heimerzieher, später als Heimleiter mit verhaltensgestörten Kindern und Jugendlichen. Damals, so berichtet er, wurden die Kinder wegen jeder Kleinigkeit eingesperrt und misshandelt. „Die Heimerziehung war reformbedürftig“, konstatiert der Heilpädagoge. Er setzte sich intensiv dafür ein, dass Heime begutachtet und dass die Zustände geändert werden. Als in einem großen Heim die Jugendlichen meuterten, schlug er vor, das Heim zu schließen. Es wurde damals von einem hochdekorierten Geistlichen geleitet. Dabei fand er große Unterstützung bei Kardinal Döpfner, der meinte, es werde Zeit, dass ein Laie die Leitung übernimmt.

Mit Hilfe des Kardinals schaffte er es, ein ganzes Dorf für die Jugendlichen zu bauen, mit Werkstätten, Schulen, Sportstätten und Therapiezentrum. Sein Konzept der Pädagogik mit Bildung und Therapie ging auf, es gab gute Erfolge. „Die Caritas wollte sich, auch aus Kostengründen, von der Heimerziehung in den nächsten Jahren trennen“, sagt Hans Fiedler. Die Situation belastete ihn so sehr, dass er 1982 einen Herzinfarkt erlitt und nur mit Mühe ins Leben zurückgeholt wurde. Nach der Rehabilitation wurde ihm eine Verwaltungsposition angeboten. „Ich aber war fasziniert von der Begegnung mit Menschen“, sagt er und so entschloss er sich, noch einmal ganz neu anzufangen, studierte empirische Pädagogik, Psychologie und Philosophie und machte seinen Magister mit 58 Jahren. Nebenbei hatte er begonnen, Kurse zu Entspannungstechniken zu geben und machte sich schließlich selbständig. Seine Schwerpunkte waren Psychotherapie, Erziehungsberatung, Paartherapie, Erlebnispädagogik und Kurse zu philosophischen Themen, wie Krankheit und Tod. Aus Altersgründen hat er keine Approbation erhalten.

Mit 60 Jahren begann Hans Fiedler, jede Woche einen Tag nach München zu fahren, um seine Promotion vorzubereiten. Er machte die notwendigen Scheine in Philosophie, Verhaltenstherapie und Gerontologie, befasste sich intensiv mit Heidegger und schrieb letztlich seine 400seitige Dissertation zum Thema „Jugend und Gewalt“.

Für ihn steht fest: „Wir haben kein Bildungs- sondern ein Bindungsproblem.“ Das habe schon der bekannte Psychotherapeut Paul Watzlawick erkannt: Der Mensch wird immer unfähiger, Bindungen einzugehen. Für alles habe man heute Zeit, nur nicht für den Mitmenschen. Und so engagierte sich Hans Fiedler an vielen Stellen, um diese Misere zu thematisieren. Er befasste sich mit Supervision in Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern. Er arbeitete in Balintgruppen, deren Ziel es ist, dass sich Ärzte in Gruppen zusammenfinden, um sich auf den Patienten und nicht nur auf seine Krankheit zu konzentrieren. Er betreute Kinder in einer Diabetesklinik, Patienten in Rehakliniken, wirkte als Dozent in der Altenpflege und arbeitete als Dozent in vielen Volkshochschulen mit.

Und es geht ihm gut dabei, denn er sagt: „Jeder Tag ist herrlich. Wenn wir keine Träume mehr haben, dann sind wir tot.“ Viele Menschen sagten über ihn, er sei ein Spinner, aber das sei ihm egal. Denn für ihn gebe es ein paar Kernsätze, die lauten so:
Ich will, wenn ich will, mich freuen oder wütend sein.
Mir kann nichts passieren und wir „Alten“ sollen uns einmischen.
Was wären wir ohne Widersprüche.

Für ihn sei es selbstverständlich, immer wieder etwas Neues zu beginnen. Denn der Mensch sei das einzige uns bekannte Wesen, das in der Lage sei, sich selbst zum Inhalt der Gedanken zu machen. Und wenn man dann noch in der Lage sei, über sich selbst zu sprechen, habe man eine Ressource, um das schlimmste Leben zu richten.

Und so gilt für ihn die wesentliche Reflexion: Ich bin in der Lage etwas zu verändern oder aber meine Haltung dazu, denn ich will nicht die Macht haben, andere Menschen zu ändern. Als gläubiger Christ habe er zwar eine Distanz zur Amtskirche, aber sei gläubiger als früher geworden. Und so hat Hans Fiedler auch weiterhin die Lehrbefähigung, Religionsunterricht zu erteilen.

Was noch? Seit einigen Jahren schreibt der Umtriebige. Es begann mit dem Jugoslawien-Krieg. Da sei er nachts schweißgebadet aufgewacht von seinen detailgetreuen Träumen seiner Jugend. Was bis dahin verdrängt war, kam jetzt als Traum hoch. Da entschied sich Hans Fiedler, seine Kindheit und Jugend aufzuschreiben. Für die zwei Kinder und die zwei Enkel. Und für sich als Therapie.

Vor drei Jahren veröffentlichte er sein Buch „Jetzt bin ich alt – seit wann?“ und schreibt gerade an der Fortsetzung „Jetzt bin ich älter“. All seine Erkenntnisse hat der 82-Jährige hinein gepackt. Das Gespräch mit ihm ist eine große Bereicherung. Da berichtet nicht nur ein Mensch über sein Leben, sondern da gibt es ein Gegenüber, ein Du, ein Interesse. Hans Fiedler hat uns noch viel mitzuteilen. Er schrieb die Kolumne für unsere nächste Zeitung „Kulturbegegnungen“. Herzlichen Dank!

Monika Gierth