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Eigentlich sei sie keine Spurwechslerin, sagte Barbara Bertram am Telefon, denn sie verdiene ihren Lebensunterhalt nicht mit ihrer neuen Spur. Ich kann sie dennoch zu einem Gespräch überreden und in diesem wird schnell klar, dass die Valleyerin einen sehr tiefgreifenden Wandel vollzogen hat und noch immer vollzieht, über den es wert ist zu berichten.

Ihrer Sprache ist unschwer anzuhören, dass sie aus dem Schwäbischen stammt, aus Rottenburg am Neckar. Schon als Jugendliche malte sie, musizierte, hatte einen kleinen Gitarrenkreis in der Kirche, war in der Behindertenarbeit und im Jugendzentrum tätig. Eigentlich habe sie Reisejournalistin werden wollen, sich aber dann für einen krisenfesten Beruf entschieden, den der Bankfachwirtin. Bei ihren Bewerbungen wurde sie schon frühzeitig gewarnt. Der erste, ältere und erfahrene Personalchef sagte: „Gehen Sie nicht zur Bank, da gehen Sie ein wie eine Primel.“ Beim zweiten Versuch habe sie eine Geschichte schreiben müssen, die so gar nicht zur Musterlösung passte und beim dritten Anlauf, wo sie sich zum Thema Sterbehilfe äußern sollte, hieß es, sie gebrauche ihre Ellenbogen nicht ausreichend. Drei Warnungen also schlug sie in den Wind.

Und sie machte Karriere bei der Bank, hätte sogar nach Paris gehen können, aber das sei ihr allein aufgrund der Größe und der Masse an Menschen zu anonym gewesen und so wurde sie in Karlsruhe in der gewerblichen Immobilienbranche Kundenbetreuerin für das große Gebiet Elsass, Lorraine, Moselle, Baden und die Pfalz. Die menschlichen Begegnungen machten ihr Freude. „Aber was mir das Kreuz gebrochen hat, das war, wenn wir Betriebe schließen mussten“, erzählt sie. Da habe sich einer abgestrampelt für seine Firma und dann komme ein Banker und mache dicht. Es sei vorgekommen, dass Betroffene des nachts bei ihr anriefen und sie fragten, ob sie noch ruhig schlafen könne. Außerdem veränderte sich im Laufe der Jahre das Arbeitsklima in den Großbanken. Nachdem anfangs die Mitarbeiter persönliche Wertschätzung erfuhren, mutierten sie immer mehr zu reinen Leistungserbringern, die ausschließlich an den erbrachten Zahlen gemessen wurden.

Um dem zu entfliehen, nahm die junge Bankerin ein Angebot nach München an, wo sie Seminare für Bankmitarbeiter in Finanzinnovationen, Miet- und Steuerrecht konzipierte und leitete. Inzwischen hatte sie ihren Mann kennen gelernt, heiratete und die erste Tochter Ada wurde geboren. Zwei weitere Kinder, Clara und Christian folgten. .

Nach der Geburt des zweiten Kindes, Clara, hörte sie auf zu arbeiten, um sich ganz der Familie zu widmen. „Ich bin 15 Jahre lang mit einer Maske herumgelaufen“, konstatiert sie, sie habe sich selbst und anderen die erfolgreiche und zufriedene Bankerin vorgespielt. „Aber ich habe mich insgeheim dafür verachtet.“ Kurz vor Ostern 2003 sei ihr im Traum ein alter Mann erschienen und habe gesagt: „Du musst dem Kind in dir Farben schenken.“ Das tat sie und malte. Anfangs hauptsächlich Chamäleons. Im Rückblick erklärt sie es sich dieses Motiv damit, dass sie jahrelang wie dieses Tier in der Anpassung an die Umgebung gelebt hat. Ihr Mann hängte die Bilder in seiner Praxis auf. „Er unterstützt mich auf diesem Weg, wo er kann“, sagt Barbara Bertram. Es ist eine gegenseitige Unterstützung, denn sie übernimmt für ihn die Verwaltungstätigkeiten.

Nach anfänglichen vhs-Kursen und diversen Workshops begann sie ein Studium an einer Privaten Kunstakademie in Mattsee bei Salzburg. Dort habe sie das Rüstzeug, aber auch den historischen und philosophischen Hintergrund für ihre Arbeit gelernt und erfahren wie sich die Kunst von der Steinzeit bis heute entwickelt. „Ich habe dasselbe durchgemacht“, sagt sie, „erst nur Tiere gemalt wie die Neandertaler, dann Blumen- und Landschaftsmotive, schließlich Wortspielereien und heute male ich einfach das, was mich bewegt.“

Ihre jüngsten Arbeiten zeigte Barbara Bertram kürzlich in der Galerie im Kultur im Oberbräu. Als Motto wählte sie das Huhn, in seiner mythologischen Bedeutung als Lebenserwecker. Diese Malerei habe sie aus ihrer Starre heraus gelöst, jetzt lebe sie ohne Maske. Aber es sei nicht leicht, denn man verliere Worte, wie „adäquat“ oder „moderat“, Worte, die man zum Schutz benutze, um nichts von sich preis zu geben. Oft denke sie an ihren alten Kunstlehrer, der ihr damals ans Herz legte, sich endlich davon zu lösen, das zu machen, von dem sie vermute, dass es andere von ihr erwarten.

Schon seit 2004 ist Barbara Bertram mit ihren Werken an die Öffentlichkeit gegangen. Neben Bildausstellungen gründete sie 2006 einen Eigenverlag, der primär der Herausgabe eigener Bücher dient. Ihr erstes Kinderbuch heißt „Schnirkelschnick, der Igelschreck“. Ursache hierfür waren damals ihre quengelnden Kinder im Auto, denen sie eine CD mit Musik von Hans-Georg Schmitten kaufte. Die kam so gut an, dass sie Kontakt zu dem Interpreten aufnahm, die Geschichte illustrierte und im Eigenverlag herausbrachte, zusammen mit einer CD, für die sie extra Gesangsunterricht nahm. Das zweite Buch verfasste sie gemeinsam mit ihrem Vater. „Und Gott sah, dass alles gut war“, das die Schöpfungsgeschichte in einem neuen Blickwinkel darstellt. Den Text für das dritte Buch, der Geschichte „Der kleine Schlunz“ schrieb sie noch zu Bankzeiten ein einem Ruck in der Nacht. Es beschreibt die Suche einer Giraffe nach einem Freund am falschen Platz. Nachdem die Geschichte jahrelang in der Schublade ruhte, lud sie 2008 Kinder zu einem Malwettbewerb ein, um den Text zu illustrieren.

Heute sieht sie ihre Aktivitäten von damals auch kritisch. „Ich war im Kopf noch bankmäßig, unterlag dem Leistungsprinzip und dachte ich müsse meine Produkte zwingend verkaufen.“ Ihr Fokus sei noch die Außenwirkung gewesen. So habe sie sich zunächst ein neues Cover zugelegt, und sei erst danach daran gegangen, die leeren Seiten ihres Lebensbuches nach mit nach mit Leben zu füllen. Nein, schreiben könne sie nicht, sie mache sich nur die Gedanken für dieses imaginäre Buch. Sie male im Kopf und auf dem Bildträger, daneben musiziere sie. Und sie entferne sich immer mehr davon, leisten zu müssen. „Jetzt male ich Bilder nur für mich.“ Und seit sie echt und authentisch lebe, habe sie auch richtige Freunde, ebenso wie ihre Giraffe, gefunden.

Barbara Bertram wehrt sich gegen die Floskel: „das Leben in den Griff bekommen“. Sie wolle ihr Leben zulassen und ihren Kindern eine Kindheit geben, dass sie später aus dem Vollen schöpfen können. Sie will auf ihre Träume hören, sich auf Begegnungen einlassen, musizieren und malen. Sie sagt: „Ich habe lange Zeit immer Ziel gerichtet gelebt und jetzt bin ich wieder da angelangt, wo ich als Kind war.“

Monika Gierth