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Diesem Akt war eine steile Karriere vorausgegangen. Martin Calsow ist in Unterfranken geboren, aber aufgewachsen in Osnabrück. „Ich bin der Sohn einer Haushälterin und eines Polizisten, also klassische Untere Mittelschicht“, erzählt er. In der Familie gehörten Themen wie Sicherheit, Rechtsstaat oder Eingriffe in diesen zum täglichen Repertoire. Der Vater, Jahrgang 1921, war außerordentlich streng. Martin Calsow absolvierte eine „katastrophale Schullaufbahn“, aber machte letztlich doch das Abitur und begann mit dem Studium der Soziologie, was er bald aufgab, um ein Volontariat bei einer Zeitung anzunehmen.

Die Neigung zum Wort, zum Schreiben und Lesen sei schon früh dagewesen, sagt er, denn in der Großfamilie habe er sich die Nische des Zeitung Lesens geschaffen. Aber zunächst ging es nach dem Volontariat zum Fernsehen, nach Köln zu VOX, dann nach Berlin zu SAT1. Er war Reporter für Nachrichten und Boulevard. Das waren die Neunziger, die Goldgräberzeit des Fernsehens. „Sex, drugs and Rock’n Roll“, kommentiert er ironisch die Themen. Das war vor zwanzig Jahren, damals sei genug Geld dagewesen, man habe experimentieren dürfen, alles war möglich, Aufbruchsstimmung habe geherrscht. Das Brechen der Tabus war eine Grundregel. Und das blieb nicht ohne Folgen. Calsow glaubt: „Man kann nicht in einem maroden, moralisch bedenklichen Umfeld tätig sein, und glauben, dass es nicht abfärbt auf das eigene Handeln und Denken.“

Sehr spät habe er begriffen, dass man ernst zu nehmenden Journalismus nur machen könne, wenn man sich Zeit nehme für die Menschen und wenn man sie achtet. Das von ARD-Chef Joachim Friedrichs stammende Zitat „Man darf sich nicht gemein machen“ sei ein typisch männlicher Ausspruch, dem er sich nicht anschließen könne. Beispiel Zugunglück Eschede. Er hatte von diesem schrecklichen Unglück berichten müssen. Plötzlich sollte alles still sein. Man meinte, Klopfgeräusche zu hören. Und dann war für einen Augenblick alles still in diesem Chaos, bis man die Handys der Toten und Verletzten klingeln hören. „Das kann ich filmisch nicht beschreiben“, sagt er. Was Leid wirklich sei, entziehe sich dieser Form der Berichterstattung.

2003 wechselt er zu dem Bezahlsender Premiere, macht Karriere bis hin zum Programmchef. Der Wendepunkt in seinem Leben geschah 2009. Sein Vater starb und der Sender wurde von einem angloamerikanischen Konsortium übernommen. Es war im März, draußen gab es Schneeregen. Im Konferenzraum hieß es: Alles wird neu gemacht, neue Farben, neues Logo. Wieder einmal. Und er kannte das alles schon. In diesem Moment habe er gefühlt: Ich verschwende mein Leben, ich habe nur noch etwa die Hälfte vor mir. Der bestehende Rhythmus, nämlich viel arbeiten und viel Zeit dafür opfern, dass man einen teuren Urlaub machen kann und danach wieder viel arbeiten, um wieder viel Geld zu verdienen, dafür aber kein Leben mehr erleben, nicht mehr authentisch sein – nein, das wollte er nicht mehr.

Spontan sei er hinausgegangen und habe seine Kündigung geschrieben, die er sofort verschickte, auch an seine Frau, die das nicht so lustig fand. „Es war kein Burn out, oder ein Akt der Erschöpfung“, sagt er, „ich war einfach nur müde.“ Und es gab den Wunsch, zurück zu sich selbst zu kommen. Es war ein Gefühl des „Hier stehe ich, hier springe ich, egal ob unten Wasser ist oder nicht.“ Er sei nach Hause gefahren, habe gepackt und sei zum Flughafen aufgebrochen. Irgendwohin, wo er noch nie gewesen sei, habe er fliegen wollen. Er fand ein Ziel: Urfa in der Türkei und reiste anschließend 12 Wochen lang über Anatolien durch den Nahen Osten: Irak, Syrien, Jordanien, Israel. Dabei traf er eine Menge Menschen und wurde gezwungen, immer wieder das eigene Verhalten zu überprüfen.

Zurück in Bayern, entschloss er sich ein Buch zu schreiben, in dem er Erfahrungen aus dem Nahen Osten zu einem Thriller verarbeiten wollte. „Ich habe meiner Frau versprochen, wieder beim Fernsehen anzufangen, wenn ich nicht mehr als 50 Seiten schaffe.“ Und es kam auch ein Angebot, aber er lehnte ab. Dieses erste Buch „Der Lilith-Code“ schrieb er wie im Trance. Sein Leben hatte sich komplett verändert. Früher hatte er morgens 200 Mails zu beantworten, jetzt kam eine, und auch die war oft ein Spam. In Gesellschaft, wo man nur gefragt wird, was man beruflich mache, sei die Antwort: „Ich mache nichts“ wie eine Kriegserklärung. Dann kämen solche Sprachhülsen wie: Das würde ich auch gern mal oder wie finanzierst du das? Oder gar, gut dass du eine Frau hast, die Geld verdient, aber nie würde gefragt: Wie geht es dir?

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Dieser so ungeplante Spurwechsel habe ihn im Nachhinein transformiert. Selten habe er so viele Selbstzweifel erlebt wie beim Schreiben. Er schreibe ja nicht, um der Welt große Erkenntnisse zu präsentieren. Aber Anerkennung brauche jeder. Sein Spurwechsel habe ihn dazu gebracht zu lauschen und zu fragen: „Was will ich von mir hören?“ Will ich der große Manager sein? Nein, aber es geht mir gut, wenn ich einen sehe, der mein Buch liest! Der Schriftsteller ist mit seinem Leben zufrieden. Seine Bücher sind erfolgreich, verkaufen sich gut. Jeden Tag schreibe er von 9 bis 17 Uhr, dann kaufe er ein und koche, denn seine Frau arbeitet außer Haus. „Da breche ich mir keinen Zacken aus der Krone“, sagt er. Aber ganz leicht sei es doch nicht, vor allem auf dem Dorf, wenn der Mann den Haushalt macht.

Inzwischen hat Martin Calsow erkannt, dass Schreiben seine Profession ist. Er werde nie mehr etwas anderes machen. Und schließlich könne er schreiben, bis er dement werde. Jetzt schaut der Schriftsteller in die Ferne: „In Syrien habe ich auf das erste Alphabet der Welt in Stein gesehen, das ist Faszination. Von da kommen wir.“ Aus Buchstaben Bilder zu gestalten, mit denen man den Kern der Menschheit erfassen könne, das sei für ihn verlockend. Man beobachte und rieche viel intensiver, das ganze Leben bis hin zur Sexualität habe sich verändert.

Aber man werde auch verletzlicher, denn jede Kritik treffe direkt. Vier Bücher hat Martin Calsow inzwischen geschrieben. Nach dem „Lilith-Code“ folgte „Die Lilith-Verheißung“, wieder ein Thriller, aber in Deutschland spielend, das dritte Buch der Reihe, ein Politikthriller ist fertig und wird 2015 erscheinen. Inzwischen aber hat sich Martin Calsow auf eine neue Reihe verpflichten lassen, deren erstes Buch am 15. August erscheint. Nur so viel sei verraten: Es ist ein Krimi, der am Tegernsee spielt, aber ganz anders als die üblichen Regionalkrimis. Pünktlich zum Erscheinungstermin werden wir auf www.kulturvision.de berichten!

Marin Calsow hat durch seinen Spurwechsel für sich wichtige Erfahrungen gesammelt. Er sagt: „Erst wenn du richtig im Dreck liegst, begreifst du wie kostbar die Minuten sind, wo du gesund bist und wo dir jemand zuhört, das kannst du nicht bezahlen.“ Immer wieder überlegt er, an welche Momente er sich kurz vor seinem Tod erinnern werde, für die es sich lohnte zu leben. Oder auch an die, die schlimm waren, wo man dachte, nicht mehr aufstehen zu können. Aber man könne aufstehen, immer wieder. Zum Schluss zitiert er seinen Lieblingssatz von Oscar Wilde. „Wir alle liegen in der Gosse, aber manche von uns schauen in die Sterne.“

Monika Gierth

 

 

Eine Antwort auf Martin Calsow: Vom Manager zum Schriftsteller

  • Sehr geehrter Herr Calsow,
    ich möchte gerne mit Ihnen Kontakt aufnehmen und bitte um Ihre e-mail-Adresse.
    P. Johannes Haas
    Hochschulpfarrer
    Eichstätt-Ingolstadt