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Flucht, Armut, politische Macht, gesellschaftliches Leben und soziales Engagement. So könnte man lapidar das Leben von Elisabeth Leutheusser von Quistorp zusammenfassen. Es beinhaltet mannigfaltige Spurwechsel, ungewollt und gewollt.

Die Familie von Quistorp stammt aus Mecklenburg Vorpommern, waren Großgrundbesitzer in Bauer bei Lassan und eng verwandt mit Wernher von Braun. Schlechte Voraussetzungen im Frühjahr 1945, als die russische Armee einmarschierte. Viele Quistorps wurden umgebracht, der Vater in das KZ Sachsenhausen verschleppt, wo er 1946 verhungerte. Mehrere Konzentrationslager wurden nach dem Krieg nämlich sehr wohl weiter „genutzt“. Die Mutter floh mit sieben Kindern, eins kam bei der Flucht ums Leben, Elisabeth war das jüngste. Man kam bei Verwandten am Niederrhein unter, aber die Nachkriegsjahre waren schwer. Armut, Hunger bestimmten die Kindheit. Nach der Realschule besuchte Elisabeth eine Hauswirtschaftsschule und führte nach dem frühen Krebstod der Mutter den Haushalt. Dann aber lernte sie den Beruf der Kinderpflegerin und arbeitet in einem privaten Säuglingsheim in Gummersbach.

Als sie die Silberhochzeit eine bekannten Pfarrerehepaars ausrichtete, wurde die Tochter von Luise Erhard auf sie aufmerksam. Sie erhielt die Einladung zur Vorstellung nach Bonn. „Ich wurde ins Wasser geworfen und musste schwimmen“, erklärt sie heute die erste Zeit als Hausdame im Kanzlerbungalow. Gerade mal 20 Jahre alt, hatte sie Verantwortung und Macht. Als Mittelsmann zwischen dem Privatleben und dem Amt von Bundeskanzler Ludwig Erhard sieht sie ihre Stellung. Und als Filter. Denn jedes Telefonat, jedes Papier landete zunächst bei ihr. Ein 24-Stunden-Job sei es gewesen, vom Wecken am Morgen, dem Besprechen des Tagesablaufs, Frühstück, Organisierung der Besprechungen mit Politikern und Referenten bis hinein in die Nacht, wo immer wieder dringende Nachrichten bei ihr eintrafen.

Dazu mussten Gäste betreut und Staatsbesuche, bei denen sie immer dabei war, vorbereitet werden.

Auch die Frau des Bundeskanzlers wurde von Elisabeth von Quistorp betreut. Ob Frisörtermin oder Treffen mit Politikerfrauen, alles wurde von ihr organisiert. Ein eigenes Privatleben hatte die junge Hausdame nicht, alles war hochgradig abgesichert und wenn sie doch einmal wegging, dann nur unter Begleitung eines Sicherheitsbeamten.

Bei Ludwig Erhard war sie von 1964 bis 1966 Hausdame, danach folgte Kurt Georg Kiesinger bis 1969 und danach Willy Brandt. Der aber habe nicht im Kanzlerbungalow gewohnt. Dennoch wurde unter ihrer Ägide dort zahlreiche Veranstaltungen, auch vom Bundespräsidenten und anderen Politikern durchgeführt.

Im Dezember 1970 heiratete sie den Brauereibesitzer Helmut Leutheusser. „Mein Job wurde sofort gecancelt“, sagt sie, „ich hatte zu viel Macht“. 10 Jahre lang lebte sie als Unternehmersgattin in Oberfranken, bekam die zwei Kinder Frank und Ina, gründete einen Rotaryclub mit und hatte zahlreiche Verpflichtungen als Ehefrau des Rotary-Governor. Zudem führte sie mehrfach einen Wahlkampf für ihren Mann. Dann zog die Familie nach Gmund. Helmut Leutheusser übernahm den Vorsitz der Gulbransson-Gesellschaft und Elisabeth Leutheusser den gesellschaftlichen Part. Mehrmals im Jahr lud sie nach der Matinee 40 Gäste zum großen Diner in ihr Haus ein. Zusätzlich betreute sie Hauswirtschaftslehrlinge des Berufsbildungszentrums in Miesbach.

Nach der Scheidung vor knapp 20 Jahren kam ein erneuter Spurwechsel. Elisabeth Leutheusser von Quistorp hatte schon zwanzig Jahre lang viel Energie in die Förderung ihres behinderten Sohnes gesteckt, der heute nahezu selbständig leben kann. Jetzt war es ihr ein Anliegen, für die Allgemeinheit sozial tätig zu werden. Als erstes arbeitete sie in der Seelsorge des Münchner Flughafens. Dann absolvierte sie eine Ausbildung als Hospizhelferin und gründete den Miesbacher Hospizverein mit. Letztlich ließ sie sich zur Trauerberaterin ausbilden und war Gründungsmitglied und ist Mutter des Kriseninterventionsteams im Landkreis Miesbach.

Ich kenne eine Frau, deren Sohn bei einem Unfall vor zehn Jahren ums Leben kam. Sie sagte mir, dass Elisabeth Leutheusser von Quistorp in den schrecklichsten Stunden ihres Lebens eine große Unterstützung gewesen sei. Noch heute begegnen sich die beiden mit Freude und mit Tränen in den Augen.

„Ich habe selber so viel Leid erfahren und war den Menschen dankbar, die mir geholfen haben“, sagt sie. Das möchte sie jetzt zurückgeben, deshalb Menschen in Not helfen. Das tut sie nicht nur im Landkreis Miesbach, wo sie nach wie vor für das KIT tätig ist und Tageskulturreisen für behinderte Menschen organisiert, sondern ebenso in der alten Heimat in Mecklenburg-Vorpommern.

Während der DDR-Zeit schickte sie Pakete und fuhr, als es der Geheimdienst wieder zuließ, selbst nach Bauer. Heute beteiligt sie sich an der Sanierung der Kirche St. Nikolai. Das Gefühl des Miteinander sei für sie sehr wertvoll, sagt sie.

Wenn sie heute auf ihr abwechslungsreiches Leben schaue, dann empfinde sie immer noch viel Neugier auf die Zukunft, sagt Elisabeth-Leutheusser von Quistorp. „Ich möchte alles erfühlen, ertasten, hören und etwas bewirken.“ Sie habe immer ein offenes Ohr und immer eine offene Tür.

Wir vom Verein Kulturvision können das nur bestätigen, denn sie ist aktiv im Vorstand und jederzeit zur Mithilfe parat.

Monika Gierth