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Jahrzehntelang hat sie „perfekt“ funktioniert, dann zwang sie eine schwere Erkrankung plötzlich zum Stillstand. Eine so lebensbedrohliche Situation erlebte sie schon einmal als 11jähriges Kind. Damals lief sie in ein Auto und hatte lange mit den Folgen zu kämpfen. Von den Erwachsenen lernte sie jedoch „mir geht es gut“ zu sagen und die eigene Befindlichkeit „wegzulächeln“. Nun erlebte sie mit 50 Jahren wieder einen so beängstigenden Zustand und wollte bzw. konnte sich dieses Mal nicht mehr selbst verleugnen. Dazu war die Diagnose zu be-drohlich. Es galt, auf ganz neue Weise zu sich selbst zu finden.

Als gelernte Industriekauffrau und Mutter von zwei Söhnen war Hannelore Kraus mit Familie und Beruf voll ausgelastet. Dennoch ließen sie die ewigen Fragen des Lebens nicht los. Schon früh erlebte sie den Tod nahestehender Menschen. Diese schwierigen Erfahrungen weckten in ihr den Wunsch, einen besseren Umgang mit der Endlichkeit des Lebens zu finden. Nicht nur für sich selbst, sondern auch im Kontakt mit Betroffenen. Zu dieser Zeit entschloss sie sich, eine Ausbildung zur Hospizbegleiterin zu machen.

„Wie geht man mit dem Loslassen um, wie lebt man seine eigenen Beziehungen, wie löst man sich friedlich aus einer Paarbeziehung?“ Fragen und Konfliktfelder, die in Hannelore Kraus lange schwelten. Jetzt gelang es ihr, sich ihnen vorbehaltlos zu stellen. Beruflich und privat entwickelte sich dadurch ein völliger Neubeginn. Die räumliche Entfernung von ihrer Familie brachte neue, intensive Beziehungen, besonders zu ihren erwachsenen Söhnen.

Man spürt, wie sehr Hannelore Kraus die positiven Auswirkungen des Los-lassens beseelen. Diese Erfahrungen möchte sie gerne weitertragen und anderen Menschen damit Mut machen. Erlebt man sie im persönlichen Gespräch, spürt man sofort, dass ihr dies mit großem Einfühlungsvermögen gelingt. Da sind echte Anteilnahme und tiefe Zuwendung. Ideale Voraussetzungen also, um sich in der geistigen und seelischen Begleitung von Menschen zu bewähren.

 

Diese neue Aufgabe lenkte ihr Augenmerk besonders auf das Schicksal älterer Menschen, zu denen sie sich immer schon hingezogen fühlte. Deshalb absolvierte sie eine ausführliche Fortbildung über dementiell erkrankte Menschen und nimmt weitere Bildungsangebote sowie regelmäßige Supervision wahr. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen erleichtern ihr auch den Umgang mit geistig und körperlich beeinträchtigten Menschen. Sie fördern den Spürsinn für Blickkontakte und Berührungen, wo Worte oftmals fehlen.

Fragt man Hannelore Kraus, warum sie sich einen so schweren Spurwechsel  auferlegt hat, erntet man ein fröhliches Lachen. Es seien die faszinierenden Begegnungen mit Menschen, die ihr eigenes Leben ungemein bereichern. In den letzten Jahren habe sie soviel über sich selbst und „das Gewicht der Welt“ gelernt wie nie  zuvor. Sie könne sich keine sinnvollere Beschäftigung vorstellen als den tiefen Umgang mit den Mitmenschen, besonders wenn sie sich in Grenzsituationen befinden.

Wie denn ihre eigene Krankengeschichte verlaufen sei?

Durch ein so erfülltes, ihren Interessen und Neigungen entsprechendes Leben könne sie mit körperlichen Symptomen wesentlich besser umgehen. Freilich gäbe es manche Beschwerden, aber die würden sich relativieren im Umgang mit Menschen, die wesentlich schlimmer dran seien.

Eine bewusste Wahrnehmung, innere Zufriedenheit, erfüllte menschliche Beziehungen und das ausgeprägte Interesse an Kultur wiegen manche Schmerzen auf. Und seit sie das Theaterspielen entdeckt habe, könne sie auch manchen, bisher verborgenen Gefühlen, freien Raum geben.

Text/Foto: Isabella Krobisch